GRÜNY

Siegel-News

Drei Logos auf dem Etikett, und selbst die Händler blicken nicht durch

Veröffentlicht am 24. Oktober 2026 · Aktualisiert am 24. Oktober 2026 · GRÜNY-Redaktion

Eine neue Studie hat Modehändler gefragt, warum sie Nachhaltigkeitssiegel nutzen. Die Antworten sind offener, als man es von Marketingseiten kennt. Und sie helfen beim nächsten Blick aufs Etikett.

Ein Wald aus Siegel-Schildern auf Pfählen. In der Mitte ragt ein großes korallfarbenes Schild mit Fragezeichen heraus.
Abbildung: GRÜNY · eigenes Werk

Eine Studie fragt die Händler selbst

Wer ein T-Shirt mit drei Siegeln in der Hand hält, kennt das Gefühl: Irgendwas davon ist bestimmt gut. Aber was genau? Eine Studie der University of South Australia, erschienen im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Business Strategy and the Environment, zeigt, dass es den Händlern kaum anders geht.

Die Forscherinnen Josephine Mckenzie, Sukhbir Sandhu und Carol Kulik haben 30 Interviews mit Verantwortlichen aus 25 Modeunternehmen geführt, vom Zwei-Personen-Label bis zum Milliardenkonzern. Dazu haben sie ein Jahr lang deren Websites und Instagram-Kanäle ausgewertet. Die Unternehmen bleiben anonym, und genau deshalb reden die Befragten Klartext.

Ein Minenfeld, sagt die Branche selbst

Die 25 Händler arbeiteten mit 24 verschiedenen Zertifizierern und 29 Standards. Ein Befragter spricht von „einer ganzen Industrie rund um Zertifikate“. Mehrere wünschen sich schlicht ein einziges Siegel, das alles abdeckt. Das gibt es nicht, und so sammeln sich die Logos.

Als Verbraucherin gibt es Label und Zertifikate links, rechts und überall, es ist ein Minenfeld.

— Nachhaltigkeitsmanagerin eines Großkonzerns, zitiert in der Studie (übersetzt)

Für dich heißt das: Wenn du bei einem Siegel nicht weißt, was es bedeutet, liegt das nicht an dir.

Das Logo zeigt, was es nicht erklärt

Die Studie hat die Websites der Unternehmen durchgesehen. Siegel-Logos stehen dort fast überall, auf Nachhaltigkeitsseiten, in Fußzeilen, auf Produktseiten. Was geprüft wurde und was nicht, steht fast nirgends.

Auffällig ist eine Vereinfachung auf Produktseiten: Aus einem konkreten Siegel wird dort oft nur „Bio-Baumwolle“. In einem Fall stand hinter dieser Bezeichnung ein Standard, der Chemikalien prüft und über den Anbau gar nichts aussagt.

Die Materialangabe im Shop ist also eine Behauptung, das Siegel dahinter der Beleg. Wer wissen will, was ein Produkt wirklich leistet, schlägt das Siegel nach, nicht das Materialwort.

Warum kleine Marken oft keine Siegel haben

Der vielleicht wichtigste Punkt der Studie ist Geld. Zertifizierungen kosten, und zwar viel. Eine Zertifizierung als B Corp kostete im untersuchten Markt je nach Unternehmensgröße bis zu 82.800 australische Dollar im Jahr. Eine Managerin rechnet vor, dass zertifizierte Fabriken ihr Unternehmen 30.000 bis 40.000 Dollar kosten würden. Ein Flachs-Siegel schlägt mit rund 4.100 Dollar pro Fabrik und Jahr zu Buche.

Entsprechend verteilt sind die Siegel: Kleine Marken hatten im Schnitt knapp drei, mittelgroße über sechs. Nicht, weil kleine Marken weniger wollen. Eine Gründerin sagt, sie konzentriere sich auf wenige Dinge, die sie wirklich beeinflussen könne, statt Geld in Zertifikate zu stecken.

Ein junges Label ohne Logos kann also ehrlich arbeiten, und ein Konzern mit neun Siegeln ist nicht automatisch besser. Die Zahl der Siegel taugt nicht als Maßstab.

Was die Forscherinnen fordern

Die Autorinnen empfehlen den Unternehmen, jedes Siegel-Logo mit genau einer konkreten, nachprüfbaren Aussage zu koppeln: Was wurde geprüft, mit welchem Ergebnis. Den Zertifizierern raten sie zu Gebühren nach Unternehmensgröße, damit kleine Marken nicht ausgeschlossen bleiben.

Eine Einschränkung gehört dazu: Die Studie beruht auf Interviews und Website-Analysen aus Australien. Was die Siegel tatsächlich in Fabriken und auf Feldern bewirken, hat sie nicht gemessen. Die genannten Standards, darunter GOTS, OEKO-TEX, bluesign, FSC und B Corp, sind aber dieselben, die auch in deutschen Shops auf den Etiketten stehen.

Was sich in Deutschland gerade ändert

Ein Teil des Problems ist seit Kurzem verboten. Seit dem 27. September 2026 gelten in Deutschland neue Regeln im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, mit denen die EU-Richtlinie 2024/825 umgesetzt wird. Ein Nachhaltigkeitssiegel darf seither nur noch auf ein Produkt, wenn es entweder von einer staatlichen Stelle stammt oder auf einem Zertifizierungssystem beruht, das unabhängig kontrolliert wird und allen offensteht. Selbst gestaltete Blätter, Herzchen und „Eco“-Stempel ohne ein solches System sind damit unzulässig. Ebenfalls verboten sind pauschale Umweltaussagen wie „umweltfreundlich“ oder „grün“ ohne nachprüfbaren Beleg.

Das löst den Siegel-Dschungel nicht auf. Die 29 echten Standards aus der Studie bleiben alle erlaubt, und was jeder einzelne davon prüft, erklärt das Gesetz nicht. Aber es räumt eine Sorte Logo vom Etikett, die nie etwas belegt hat. Ein Siegel, das du heute auf einem Produkt siehst, hat zumindest irgendein Prüfsystem hinter sich. Was genau geprüft wurde, bleibt deine Hausaufgabe.

Quellen

  1. Mckenzie, Sandhu, Kulik (2026): Strategic Adaptation or Strategic Confusion? Business Strategy and the Environmentdoi.org
  2. Richtlinie (EU) 2024/825 vom 28. Februar 2024 (Amtsblatt der EU)eur-lex.europa.eu
  3. Drittes Gesetz zur Änderung des UWG, Bundestags-Drucksache 21/1855dserver.bundestag.de

Siegel in diesem Artikel